Pflegenotstand in Deutschland?

Als Pflegenotstand wird seit geraumer Zeit im deutschsprachigen Raum ein Zustand bezeichnet, der insbesondere auf einen eklatanten Personalmangel im Pflegebereich hinweist, aber auch auf mangelhafte Pflegequalität und unzureichende medizinische Versorgung zurückgeführt wird.

So hat sich u.a. der Münchener Autor Claus Fussek in Büchern, Interviews, Gesprächsrunden und öffentlichen Auftritten mit der seines Erachtens menschenunwürdigen Verhältnissen in deutschen Pflegeheimen aber auch in anderen Pflegeinstitutionen und in der deutschen Politik nachhaltig auseinandergesetzt. Verantwortlich gemacht werden häufig mangelhafte Finanzierungssysteme der Heime und Sozialstationen.

Noch weiter geht der Sprachgebrauch bei der Verwendung des Begriffs des „Pflegeskandals“:

>>Pflegeskandal ist ein Schlagwort, das in den Medienberichten für die Vernachlässigung, Misshandlung oder die wiederholte Verletzung der Berufspflichten von Pflegepersonal und deren administrativer Leitung (PDL) gegenüber Patienten und pflegebedürftigen Personen ebenso wie systematisch herbeigeführte Schädigungen von Patienten in Kliniken, Altenheimen bzw. von Kunden in der ambulanten Pflege benutzt wird. << (Wikipedia)

So finden sich immer gut belegte und sorgfältig recherchierte Berichte über alte Menschen, die skandalöse Zustände in Pflegeinrichtungen dokumentierten, wie etwa das Liegen in Kot und Urin, unflätige Beschimpfungen, nicht angeordnete Fixierungen von Patienten,um nur einige Details zu erwähnen. Bei der Ermittlung der Verantwortlichkeiten entstand offensichtlich immer wieder das Problem der Entdeckung von Grauzonen. Andererseits gab es durchaus Fälle, bei denen der einzelne Pfleger aber auch eine unverantwortliche Anordnungen treffende Heimleitung als verantwortliche Stelle recherchiert wurde.

Als ein weiteres gravierendes strukturelles Problem gilt die mangelhafte personelle Ausstattung.

Die katastrophale personelle Ausstattung wird teilweise, v.a. im Bereich der privaten Pflege, durch die Inanspruchnahme der Eu-weiten Dienstleistungsfreiheit für Arbeitskräfte kompensiert. Anders gesagt: ausländische Arbeitskräfte übernehmen diese Pflegeaufgaben in Deutschland, vermittelt durch Agenturen oder gemäß Selbstentsendung.

Hier aber liegt der Hase im Pfeffer: dieser Import von Arbeitskräften führt aber nicht nur zu einer allgemeinen Milderung der Pflegemissstände, sondern auch oftmals zu ungerechten und illegalen Beschäftigungsverhältnissen etwa bei der Entsendung von slowakischen oder polnischen Pflegekräften.

So ist es beispielsweise nicht nur erforderlich, dass osteuropäische Pflegerinnen und Pfleger über korrekte Anstellungsverhältnisse im Herkunftsland verfügen, sondern auch bestimmte Papiere mit sich führen, die sie bei der Einreise zweifelsfrei legitimieren.

Dazu zählt z.B. seit dem 1.5.2010 das sogenannte A1-Formular, früher E 101 Formular. Dieses Dokument bestätigt, dass eine Pflegekraft im entsendenden Heimatland bei der Sozialversicherung gemeldet ist und alle erforderlichen Abgaben abgeführt hat. Auch hier wird das Formular von Scheinselbstständigen missbräuchlich genutzt.

Dagegen verwehren sich nicht nur kritische deutsche Gesundheitspolitiker, sondern mittlerweile auch seriöse Agenturen und ausländische Unternehmen, die im Gegensatz zu den illegal operierenden “schwarzen Schafen” ihre Mitarbeiter ordnungsgemäß vertraglich einstellen und versichern und schon aus Eigennutz gegen die Auswüchse in der Pflegebranche Alarm schlagen.

Ein polnisches Unternehmen geht sogar so weit, deutschen Familien anzubieten, deren bislang illegal arbeitenden Pflegekräfte eventuell zu legalisieren. Dazu schreibt man:

>>Wenn Sie bisher eine Pflegekraft aus einem osteuropäischen Land beschäftigt haben und nicht selbst Arbeitgeber werden wollen, kann sich Ihre Haushaltshilfe gerne mit Private Care 24 in Verbindung setzen. Unter bestimmten Bedingungen besteht die Möglichkeit, die Pflegekraft bei unseren Dienstleistungsagenturen zu beschäftigen und somit zu legalisieren. Dies ist unter minimalem finanziellem Mehraufwand möglich. Darüber hinaus bietet Private Care 24 pflegeunterstützende Haushaltshilfen an, welche gemäß den gesetzlichen Vorschriften rechtssicher handeln.<<

Sicherlich ist dieses Angebot als außergewöhnlich innovativ zu bezeichnen, auch wenn damit strukturelle Missstände in der Pflege nicht zu beheben sind.

Ein wichtiges Moment zur Behebung des Pflegenotstands wird wohl sein, künftig bei den Pflegern schon in der Ausbildung noch mehr auf ein ausbalanciertes Verhältnis von Empathie und Fachkompetenz zu achten, um die vielfach beklagten Erniedrigungen und Vernachlässigungen schon frühzeitig erzieherisch aufzufangen.

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